29. Oktober 2020 – Stefan Angele
Die Coronakrise hat den Deutschen einen Haufen neuer Begriffen und vor allem Zahlen von dem einen Tag auf den anderen in den Kopf gehämmert. Kein Tag vergeht, an dem nicht neue Zahlen, Prognosen und Kennwerte diskutiert werden und anhand derer Entscheidungen für unser aller Leben vollzogen werden. Besonders zwei Begriffe tauchen dabei immer wieder auf. Das sind einmal positiv auf das Coronavirus getestete Personen und auf der anderen Seite infizierte Personen. Häufig werden die Begriffe synonym verwendet. Zurecht oder vollkommen falsch?
Was sind positiv getestete Personen?
Zuerst einmal sind positiv getestete Personen, Personen bei denen ein Corona-Test, sei es ein PCR-Test oder ein Antigen-Test, ein positives Ergebnis ausspuckt. Gerade PCR-Tests können dabei auch sehr niedrige Virenansammlungen im Körper technisch nachweisen. So können auch Menschen, die sich vor Monaten mit dem Virus angesteckt haben, noch lange Zeit positive Testergebnisse produzieren. Man kann sich jetzt schon denken, in welche Richtung die Unterscheidung hinauslaufen wird. Sind aber positiv getestete Menschen auch wirklich infektiös also ansteckend? Hierzu sagt sogar das RKI: "Dass diese positiven PCR-Ergebnisse bei genesenen Patienten nicht mit Ansteckungsfähigkeit gleichzusetzen ist, wurde in mehreren Analysen gezeigt."
Der CT-Wert entscheidet über Ansteckungsfähigkeit
Und weil wir 2020 nicht alle schon genug neue Begriffe gelernt haben, gibt's jetzt direkt einen neuen. Nämlich der sogenannte CT-Wert. Das ist der Wert, der angibt, ob jemand mit einem positiven PCR-Test noch ansteckend ist oder eben nicht. Der Wert beschreibt dabei die Anzahl an Durchläufen, die ein PCR-Test durchlaufen musste, damit genug Virenmaterial vorhanden ist, um ein positives Ergebnis auszulösen. Zum Hintergrund: Ein PCR-Test erzeugt sein Ergebnis, indem das Erbgut des Virus vervielfältigt wird und dadurch nachweisbar wird. Ist viel Virusmaterial vorhanden, ist das schnell möglich, bei wenig Material dauert es entsprechend länger. Dabei gilt, je höher der CT-Wert, desto weniger Virus in der Probe vorhanden. Ist eigentlich logisch. Bei viel Virenmaterial schlägt der Test bei einem CT-Wert von 15 aus. Bei wenig etwa bei 30 bis 35. Deshalb könnte der Wert eigentlich für die Dauer einer Quarantäne eingesetzt werden. Eigentlich...
Gesundheitsämter kennen CT-Wert nicht
WDR, NDR und Süddeutsche-Zeitung haben deshalb bundesweit bei Gesundheitsämtern nachgefragt, wie es den mit dem CT-Wert so aussieht. Mit erschreckenden Ergebnissen. Fast 75 Prozent der befragten Ämter, wurde der CT-Wert "nie" bis "selten" mitgeteilt. Nur bei 11 Prozent gab's den Wert "immer" oder "öfter". Das Problem ist daher, dass die Ämter schwer abschätzen können, ob jemand noch infektiös ist oder eben nicht und deshalb meist abgewartet wird, bis ein Coronatest wieder negativ ausfällt. Laut Virologen ist allerdings auch nur der CT-Wert bedingt vergleichbar, da er bei verschiedenen Arten von PCR-Tests und in verschiedenen Laboren durchaus unterschiedlich ausfallen kann. Es fehlt eine Art von gemeinsamen Standard. Zudem kann auch eine falsche Entnahme dazu führen, dass die Virenlast in der Probe nur gering ist, weshalb der CT-Wert nicht so recht taugen mag. Besonders tricky am CT-Wert ist der Punkt, dass das Virus bei schweren Verläufen irgendwann tiefer in die Lunge wandert. Die Person ist dann möglicherweise immer noch ansteckend, das Virus lässt sich aber kaum noch in den Mund-Nase-Schleimhäuten nachweisen.
Was ist denn jetzt der Unterschied zu "infiziert"?
Jetzt könnte man also fast denken, infiziert ist man doch nur dann, wenn man auch infektiös ist. Nicht ganz richtig, denn infiziert ist man schlichtweg dann, wenn man sich das Virus eingefangen hat und im Körper trägt. Sagt übrigens auch das Wort selbst, das vom Lateinischen kommt und sowas wie "reinstecken", "vermischen", "reintun" bedeutet. Da sagt ein positiver Coronatests am Ende nichts anders. Sprich, wer positiv getestet wurde ist auch infiziert - aber noch lange nicht infektiös! Darüber Auskunft geben kann momentan auf breiter Basis nur der CT-Wert, der allerdings in vielen Punkten auch nicht wirklich aussagekräftig ist. Wirklich stichhaltig bleibt bis dahin damit nur die Zahl der positiven Tests, da PCR-Tests zu über 99 Prozent korrekte Ergebnisse liefern.
Das ganze Interview mit Virologe Prof. Ulf Dittmer
Das gesamte Interview mit dem Virologen Prof. Ulf Dittmer, Direktor des Instituts der Virologie an der Uniklinik Essen, könnt ihr euch hier noch einmal anhören:
29.10.2020
Interview mit dem Virologen Prof. Ulf Dittmer